Murnau Teil 9 - Der Nachmittagsgüterzug in Murnau

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Johannes Auerbacher († 7.9.2018)
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Murnau Teil 9 - Der Nachmittagsgüterzug in Murnau

Beitragvon Johannes Auerbacher († 7.9.2018) » Mo 26. Feb 2018, 22:54

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Guten Tag zusammen,

heute geht es weiter mit dem Betrieb:

Der

(9) Nachmittagsgüterzug Ng 8017/8018 ist an der Reihe

In dieser [EMB-Forum - siehe hier] Betriebssitzung war als letztes der Ng 8017 in Murnau eingelaufen. Es wurde dann sehr bald die Üg 80018 gebildet, die wir hier auf dem nächsten Bild auf Höhe des Zementwerkes bei Kammerl sehen.


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(1) Der G 09 ist leer und wird im Werk mit Zementsäcken beladen, wobei dieser ex-USATC-Wagen maximal 12 t laden kann. Die Doppeleinheit KK 15 bringt ca. 30 t Gips als Zuschlagstoff für die Zementherstellung. Die Übergabe bringt 30 Bremshundertstel mit; es darf also die allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Güterzüge von 35 km/h gefahren werden.

Bremsberechnung

Nachdem ich ich nun schon ein paar mal großspurig mit dem Begriff „Bremshundertstel“ um mich geworfen habe, möchte ich nun auch erklären, warum er für meine Modellbahn relevant ist. Anfang der fünfziger Jahre war noch ein großer Anteil der Güterwagen ungebremst; sie hatten nur eine durchgehende Druckluftleitung (deswegen Leitungswagen), um den im Zug hinter ihnen befindlichen gebremsten Wagen trotzdem das Bremsen zu ermöglichen.

Klar, dass mit größerer Anzahl an Leitungswagen das Bremsvermögen des Zuges vermindert wird. Wenn der streckenabhängig vorgegebene Bremsweg nicht eingehalten werden kann, muss eben die Fahrgeschwindigkeit des Zuges vermindert werden. Und genau das ist sie, die Relevanz zur Modellbahn, denn die Leitungswagen gibt es auch bei mir. Finden sich zufällig keine im Zug, kann ich mir die Bremsberechnung sparen, denn es erwachsen dann daraus auch keine Konsequenzen für den Modellbetrieb.

Hier ist die entsprechende Dienstvorschrift der Reichsbahn aus den 30er Jahren; ich denke, bis in die frühen 50er hat sich nicht viel geändert: [www.hs-merseburg.de]

Dazu gehört noch die Bremstafel der Strecke. Dort sind in Abhängigkeit von der Längsneigung der Strecke zu den Bremshundertsteln des Zuges dessen zulässige Geschwindigkeit für einen bestimmten Bremsweg eingetragen. In meinem Fall war es die Bremstafel für 400 m Bremsweg: [www.hs-merseburg.de]

Ich habe mir einen Auszug für meine ebenen Strecken und die maximale Streckengeschwindigkeit von 55 km/h hergestellt. Die Werte für die ebene Strecke waren aber dermaßen langweilig und unkritisch, dass ich einfach eine Steigung bis 2%o mit einbezogen habe.


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(2)

Die Bremsberechnung selbst ist gegenüber der beim Vorbild stark vereinfacht. Ich will ja nicht Bremsgewichte von den Langträgern meiner Modelle ablesen und addieren, sondern Züge fahren und rangieren. Die Vorbild-Formel lautet: Bremshundertstel = 100 mal Bremsgewicht / Zuggewicht. Dabei ist mit “Bremsgewicht“ eigentlich die Bremskraft gemeint.

1. Die Bremskraft der Lok ist einzubeziehen. Ich werde das nicht tun, weil Lok und Wagenzug getrennt bremsbar sind. Die Bremskraft der Lokomotiven wird also bei mir nicht berücksichtigt.

2. Für die Wagen, bei denen das Bremsgewicht nicht lesbar ist, gilt auch in der DV die einfache Formel: Bremskraft = 0,8 mal Leergewicht des Fahrzeuges, obwohl beide eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Trotzdem passt diese Umrechnung bei den Güterwagen der frühen 50er ganz gut. Um das ganze im Modell etwas zu verschärfen, nehme ich: Bremskraft = 0,6 mal Leergewicht. Aber auch das Leergewicht aufzuschreiben, ist mir zu viel Aufwand. Deshalb wird in die Berechnungsformel nur die Zahl der gebremsten Achsen übernommen. Dabei unterstelle ich für jedes Fahrzeug die gleiche Achslast und die doppelte, wenn es beladen ist (siehe auch 3.). Lokachsen gelten dabei als beladene Achsen.

3. Auch das Fahrzeuggewicht habe ich dahingehend vereinfacht, dass ich die Zahl der Achsen stellvertretend für das Fahrzeugleergewicht ansetze, die doppelte Zahl der Achsen für das Gewicht eines beladenen Fahrzeuges und der Lok. Zur Bestimmung der Bremshundertstel brauche ich also nur die verschiedenen Achszahlen zusammen zu zählen.

Somit lautet die Formel bei mir:
Bremshundertstel = 60 mal Zahl der gebremsten Wagenachsen / (2 mal Zahl aller beladenen Achsen + Zahl der unbeladenen Achsen). Siehe auch Bild 2.


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(3) Für den Fall der hier gezeigten Übergabe haben wir: 60 mal 6 gebremste Achsen = 360, also 360 / (2 mal 3 Lokachsen + 6 unbeladene Achsen) oder 360 / 12 = 30 Bremshundertstel.

Die Doppeleinheit KK 15 geht auf Fleischmann-Klappdeckelwagen zurück. Der Handbremswagen hat ein neues und verkürztes Fahrgestell eines Fleischmann Om 12 mit Handbremse bekommen, der andere Teil der Einheit hat dagegen sein Fahrgestell behalten, allerdings modifiziert. Die ursprünglichen Stahlbügelachshalter wurden ausgebaut und das ganze Fahrgestell durch längs Durchsägen verschmälert. Zuvor mussten noch die Bohrungen für die Spitzenlager in die Kunststoffachshalter eingebracht werden. Das wird einem dadurch leicht gemacht, dass die Rückseiten der Achshalter immer genau an der richtigen Stelle eine Einfallstelle haben. Für den Kunststoffspritzer ist das ein Mangel, für mich aber eine willkommene Körnung, um den Bohrer anzusetzen. Ich habe mir für diesen Zweck einen 2-mm-Bohrer mit 90° Spitzenwinkel zurecht geschliffen. Die Bohrungen mit Graphit füllen, die neuen Radsätze einsetzen auf ein wenig Spiel in den Lagern achten (wegen der Entgleisungssicherheit in Gleisverwindungen) und die Fahrgestellhälften auf einer ebenen Unterlage wieder zusammenkleben.

Damit endet hier der Bericht von diesem Betriebstag.
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Am nächsten Tag sieht Ng 8017 wie folgt aus:


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(4) Lok umlaufbedingt nun E44 504, Pwg 09 wie gehabt, ein leerer K-15-Leitungswagen und ein mit Koks beladener Omm-39-Leitungswagen, beide für das Kalkwerk. Dann folgen noch zwei leere Wagen für das Zementwerk, ein Kkd 49 und ein G 10.

Die Bremshundertstel: 60 mal 8 gebremste Achsen / (2 mal 6 beladene Achsen +10 unbeladene Achsen) = 480 / 22 = 21 Bremshundertstel bedeuteten keine Einschränkung der Vmax von 35 km/h.

Im Vordergrund auf Gleis 1 sind drei Wagen zu sehen, die erst am nächsten Tag mit Ng 8014 Murnau wieder verlassen. Der italienische F-Wagen hatte Obst für eine kleine Konservenfabrik in Murnau gebracht. Der Besitzer der Fabrik hofft inständig darauf, dass die Streckenverlängerung nach Griesen eines Tages kommt, denn dort wäre Platz für ein neues großzügiges Gelände, sogar mit einem eigenen Gleisanschluss. Der Ommpu 49 der Saar-Bahn ist mit Schrott beladen worden und der R 10 dahinter ist mit den ganz besonderen Murnauer Lärchenholzstämmen, die nicht oft, aber manchmal doch, andernorts gefragt sind.


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(5) Unter dem Silo des Kalkwerkes steht eine inzwischen beladene KK-06-Doppeleinheit (Leitungswagen), die mit dem Ng 8018 Murnau verlassen wird.


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(6) An der Ladestraße Gleis 1 stehen außerdem noch die drei O-Wagen beladen bereit, die vormittags mit dem Ng 8013 gekommen sind und auch erst am nächsten Tag mit Ng 8014 wieder abgeholt werden. Der Eilstückgutwagen am Güterschuppen wird dagegen schon ein Teil des heutigen Ng 8018.


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(7)



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(8) V36 225 hat sich an den Schluss des eingefahrenen Ng 8017 gesetzt, um mit dem Kkd 49 und dem G10 als Üg 80018 nach Kammerl zu entweichen. Jetzt noch kuppeln, Schlussscheibe umhängen und Bremsprobe. 30 Bremshundertstel – kein Problem.



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(9) Ausfahrsignal B zeigt Hp1. Üg 80018 kann kommen.



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(10)



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(11) Der KKd 49 (ex USATC) stammt von Klein, der Kessel ist aber wie bei seinem Vorbild um 200 mm höher gesetzt worden, um den Entladeeinrichtungen unter dem nun dreigeteilten Kessel genügend Raum zu bieten. Ich habe zwei Quellen benutzt, einmal "Stefan Carstens - Hans Ulrich Diener - Gedeckte Wagen - Sonderbauarten" und "Gerd Wolff - Die vierachsigen Selbstentladewagen - Die Staubbehälterwagen" vom EK-Verlag, wo auch das Entstehen der Druckluftentladung auch am Beispiel der KKd 49 kurz erklärt wird. Die Entladeeinrichtung ist aus Drähten und Röhrchen zusammengelötet. Für die Erhöhung des Kessels habe ich erst einmal das Blech, welches ursprünglich der Obergurt des Hauptquerträgers war, so viel dünner gefeilt, dass es einem Blech ähnlich sieht. Die neue Zwischenlage besteht aus einem Hohlträger, den ich aus Polystyrol nachgebildet habe. In Wagenmitte gab es eine Verbindung zwischen Kessel und dem Untergestellbalken. Diese wurde wurde entsprechend den Fotos und der neuen Kesselhöhe adaptiert. Was fehlt, sind die Spritzschutzbleche über den mittleren Radsätzen. Logischerweise müssten über den Endradsätzen auch welche gewesen sein. Darüber habe ich nichts in Erfahrung bringen können. Deswegen habe ich sie ganz weggelassen.


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(11a) Ich habe noch mal ein Bild von der "Schokoladenseite" gemacht, auf dem Ihr meine Interpretation der Entladeeinrichtung erkennen könnt.



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(12) Alle G10 auf diesem Bild stammen von Märklin, wobei die beiden hinteren ein neues Fahrgestell von Fleischmann bekommen haben, weil das vorhandene dieser Ex-Handbremswagen von Märklin so absolut grottig war. Der vordere der beiden hat ein umgearbeitetes Bremserhaus von Piko bekommen und ist damit wieder ein Handbremswagen.



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(13) Dies sind die von Kammerl abzuholenden Wagen, wobei die mit Zement beladenen G-Wagen von der jetzt fertigen Üg 80019 auf den Ng 8018 übergehen, während der Omm 32 erst mal in Murnau bleibt, weil Ng 8018 keine Leerwagen mitnimmt. Jetzt haben sich 15 Bremshundertstel ergeben; es reicht also gerade noch für 35 km/h.



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(14) Der in Murnau verbliebene Rest des Ng 8017 hat sich inzwischen bis auf Gleis 5 vorgearbeitet, um den Postwagen aus der Mittagsruhe zu holen und an einen geeigneten Ladeplatz zu bringen.


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(15) Dafür geht es wieder zurück auf Gleis 3, ...


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(16) … E44 504 läuft um ...


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(17) … und hat hier schon den Postwagen von Gleis 3 nach Gleis 1 rangiert, wo er direkt neben Weiche 3 beladen wird. Die Lok ist zu den Güterwagen zurückgekehrt.


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(18) Jetzt wird das Kalkwerk bedient, wo der KK 06 angekuppelt wird.


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(19) Nun ist auch Üg 80019 in Murnau angekommen und schiebt die beiden G 10 als Rangierfahrt hinter Weiche 6. Der Omm 32 wird dann vorerst in Gleis 2 nahe dem EG stehen gelassen und die V36 verkrümelt sich auf Gleis 5, wo dann auch ihr Motorengeräusch wieder verstummt.


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(20) Hier ist das Ende von Ng 8018 schon fertig gebildet, während die Lok den K 15 und den Omm 39 an ihre Plätze schiebt.


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(21)


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(22) Lok und Pwg begeben sich nun auf Gleis 1, um noch den Postwagen und den Eilstückgutwagen und, falls vorhanden, noch weitere Eilgutwagen, zu holen (heute aber nicht).


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(23) Es ist schon alles zusammengeschoben und gekuppelt.


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(24) Der Eilstückgutwagen, ein Glmhs 50, steht schon in der Verbindung zu Gleis 3. Nun wird noch der leere Omm 32 an die in Murnau verbleibenden Wagen gekuppelt und alles wieder in Gleis 1 zurückgebracht.


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(25) Hier der Ng 8018 in voller Schönheit. Es finden sich immerhin drei Leitungswagen im Zug. Die Bremsberechnung könnte zu eingeschränkter Vmax führen. Es ergeben sich nur 14 Bremshundertstel. Nach der Bremstafel der Strecke sind damit nur 30 km/h erlaubt. Die Bremsberechnung fällt nicht nur wegen der Leitungswagen so ungünstig aus, sondern auch deswegen, weil alle Fahrzeuge außer dem Pwg beladene Achsen mitbringen.

Auch jetzt mochten Zugführer und Schaffner nicht in den Knochenschüttler-Pwg-09 einsteigen und haben beim Lokführer nachgefragt. „Ei-ja, kommt enuff! Der Lokführer, ebenso wie der Bahnhofsvorstand von Murnau auch, ein Migrant aus Hessen, sind seltsam wesensverwandt und verstehen manchmal einander blind. Vergisst der eine, das Einfahrsignal zu ziehen, obwohl eigentlich alle Voraussetzungen dazu erfüllt sind, fährt der andere einfach am haltzeigenden Signal vorbei und gleicht so den Fehler wieder aus.

So was passiert beim richtigen Fremo-Betrieb nicht so leicht, wo der Fahrdienstleiter nur für die Sicherung der Zugfahrten und der Lokführer nur für die Beachtung der Signale zuständig ist.


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(26) Doch vorher gibt es noch eine Kreuzung. P 4025 mit E44 508 und dem Milchkurswagen an der Spitze naht zur Einfahrt in Gleis 2.


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(27)


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(28) E44 504 wird langsam aufgeschaltet.


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(29)


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(30) Der Zug durchquert mit 30 km/h die Haltestelle Kammerl. Die Kilometersteine (Nummernsteine) entstanden aus 1,5 mm starkem Polystyrol, welches ich in 4 mm breite Streifen geschnitten habe. Die Zahlen auf dem Computer erstellen und ausdrucken, das Papier auf der Rückseite weiß anmalen (als Sperrschicht gegen den Kleber), dann Ausschneiden und aufkleben. Den Kopf pyramidenförmig anfeilen. Am Ende beträgt der Querschnitt 1,8 mal 4 mm. Meine Quelle: Thomas Noßke [www.hs-merseburg.de]


So weit für heute.
Gruß
Johannes


Bisherige Beiträge:

(1) In Murnau wird Ng 8013 zu Ng8014: [EMB-Forum - siehe hier]
(2) Kuppeln und Radien: [EMB-Forum - siehe hier]
(3) Antwort zur Oberleitung: [EMB-Forum - siehe hier]
(4) Murnau: Grundsätzliches: [EMB-Forum - siehe hier]
((5) Von Murnau nach Freilassing mit P 4024: [EMB-Forum - siehe hier]
(6) Murnauer Kalk: [EMB-Forum - siehe hier]
(7) Frühmorgens in Murnau - Expr 504 ff: [EMB-Forum - siehe hier]
(8) Murnau hat auch ein Stellwerk: [EMB-Forum - siehe hier]

Auch dieser Link über das spurgeführte Schienenputzen (drehscheibe-foren)
gehört eigentlich noch dazu.

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