Die Moorkate aus dem Teufelsmoor

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Dirk Frielingsdorf
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Die Moorkate aus dem Teufelsmoor

Beitragvon Dirk Frielingsdorf » Mo 30. Apr 2018, 20:31

[Auszug aus dem Faden "Klockenstedt-Büttenwarder-Klingsiel". Einige externe Links führen mittlerweile leider ins Leere.]

Irgendwann wird Büttenwarder-neu [nunmehr Bürenwerder genannt] entstehen, ich bastel derzeit ein paar Dinge, die möglicherweise auf diesem 180cm langen Segment am Rande untergebracht werden können - oder eben auch nicht. Aber wie immer macht mir Vorbildrecherche im Sinne des Abtauchens in die Geschichte viel Spaß und so entstand am Wochenende eine Moorkate.

Torfkähne auf den Fleeten meiner Segmente gibt es ja nun einige, aber wo wohnt Jan van Moor? Dort wo heutzutage stattliche niedersächsische Hallenhäuser stehen und einträgliche Milchwirtschaft betrieben wird, waren vor hundert Jahren an vielen Stellen noch nur karge Katen der ersten oder zweiten Generation von Moorbauern zu sehen.

Am Wochenende lief der zweite Teil einer NDR-Serie "Hundert Jahre Landleben", darin auch frühe Stummfilmaufnahmen aus dem Teufelsmoor, die mich zu folgender Bastelei inspirierten.
Die frühen Moorsiedler, die auf Initiative des geheimen Rates Jürgen Christian Findorff das Teufelsmoor und angrenzende Moore zwischen den Flüssen Wümme, Hamme und Oste sowie den angrenzenden Geestrücken zwischen Bremervörde im Norden, einer Linie Gnarrenburg, Hambergen, Osterholz-Scharmbeck und Ritterhude im Westen, Selsingen und Tarmstedt im Osten sowie der Bremer Düne, die heutige Innenstadt Bremens, im Süden urbar machen sollten, hatten zunächst buchstäblich nichts - außer der versprochenen Freiheit von Großgrundbesitzern und Leibeigenschaft. "Amtlicherseits" wurden Kanäle zur Entwässerung und als erste Verkehrswege angelegt, das Holz für die ersten Behausungen lieferten Bauern von der Geest. Das Fachwerk wurde mit Weidenflechtwerk und Ton, mit Kalk geweißt, später auch mit Ziegelsteinen ausgefacht. Ab Minute 13 sind im derzeit noch in der NDR-Mediathek verfügbaren Beitrag auch die Bilder aus dem Teufelsmoor sichtbar, die ich mit ein paar Screenshots meinen Basteleien voranstelle:

NDR-Mediathek "Hundert Jahre Landleben (2) (Edit: Link veraltet.)

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Mein Modell entstand aus wenigen Fenster- und Türkunststoffteilen aus der Basteliste, Eichenholzleisten fürs Fachwerk, wie sie auch schon beim Klappstau auf dem Segment der "Nordgaster Mühle" Verwendung fanden, Kiefernholzleisten für das Dach, Pappe, Wildgrasmatte und Flor von Heki sowie "Fertigspachtel innen" aus dem Baumarkt zur Ausfachung.

Die Wände entstanden aus zurechtgeschnitten Eichenholzleisten, verleimt mit Weißleim, an den Giebelseiten und im Stallanbau mit Fenstern und Türen aus der Bastelkiste versehen. Zum Ausfachen soll der Innenspachtel verwendet werden, dafür habe ich die Rückseiten der Wände mit Pappe verschlossen. Pappe deshalb: Sie nimmt einen Teil der Feuchtigkeit aus dem Spachtel auf, es entstehen sehr natürlich wirkende ausgefachte Wände nach dem Aushärten, die, wenn man vor dem endgültigen Aushärten des Spachtels die Pappe von hinten etwas eindrückt, natürliche Risse entstehen lassen, die auch die Vorbilder zeigen.

Mit einem kleinen Spachtel wird das zuvor ausgehärtete Fachwerk ausgefacht, dabei sollte das Fachwerk möglichst freibleiben oder mit dem Spachtel weitestgehend freigeschabt werden. Nach dem Aushärten kann der Rest verbliebenen Spachtels auf dem Fachwerk auf Schleifpapier freigeschliffen werden. Das Fachwerk war einst mit Teerfarbe versiegelt, das kann man gut mit Revell Aquacolor "Lederbraun 84" nachstellen: Mit ruhiger Hand wird das Fachwerk angemalt, die Ausfachungen sollen freibleiben, sie werden anschließend nicht mehr geweißt! (Der Spachtel wirkt "natur" am besten.) Gerät doch etwas braune Farbe auf die Spachtelausfachungen, kann man nach dem vollständigen Trocknen der Farbe diese vom Spachtel wieder abkratzen. Sie zieht in den Spachtel nicht ein, so dass nur wenig Material mit einer scharfen Klinge oder mit einem Microschraubendreher abgeschabt werden kann, ohne die Ausfachungen stärker zu beschädigen.

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Anschließend werden die Wände zusammengesetzt und am ausgehärteten Rohbau eine "Abwicklung" für das Dach erstellt:

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Ich habe mein Modell "frei Schnauze" ohne konkrete Maße erstellt. Ich habe in Museumshäusern sowohl im Teufelsmoor als auch in Moordorf in Ostfriesland einen Eindruck dieser Häuser bekommen. Sie bestanden nur aus einem Hauptraum sowie häufig einem angrenzenden Stall für eine Ziege oder einem Schwein und ein paar Hühnern. Gelebt wurde im zentralen Raum, auch geschlafen, entweder auf Lagern in diesem Raum oder in Butzen in den Außenwänden. Wer soetwas nachbauen möchte, für den habe ich grobe Anhaltspunkte mit dem Millimetermaß:

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Ein paar Detailaufnahmen von der Wrkung der "gespachtelten" Ausfachung des Fachwerks:

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Von der Papierabwicklung werden zwei Schnittmuster (geteilt an der Firstlinie des Haupthauses) als Schablone auf Heki-Wildgrasmatte verwendet. Da diese nur einen hauchdünnen Träger hat, habe ich die Dachsparren mit einer Pappunterlage versehen und das Heki-Wildgras auf diese mit Weißleim in zwei Teilen (Vorderseite mit Giebeln, Rückseite mit Stalldach) aufgeklebt. Das ganze stellt ein frühes Stroh- und Grassodendach dar, wie es einst häufig war (die heutigen Reetdächer sind viel zu dick und sauber verarbeitet für frühe Strohdächer).
Auf den Firstlinien habe ich mit Hekiflor Moos nachgestellt. Dachfläche und Moosfirst werden mit schmutzigwässriger graubrauner Farbe abgedunkelt, die Dachflächen unterhalb des Mooses mit beige graniert. Auf den abschließenden Fotos sind die Dachflächen bereits abgedunkelt und graniert, das Moos noch unbehandelt. Neben der farblichen Behandlung werden die Dachflächen und das Moos auch mit verdünntem Weißleim behandelt und die Grashalme ein wenig nach unten gekämmt, nach dem Aushärten all zu wüst abstehende Halme abgeschnitten.

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Weitere Informationen:
Heute erhaltene Moorkaten sind häufig sehr "clean" restauriert und geben den einstigen Zustand nur unzureichend wieder:

http://www.kulturland-teufelsmoor.de/up ... ate_02.jpg

http://2.bp.blogspot.com/-4eKHm22GcKA/T ... 268527.jpg

Gleichwohl gibt z.B. das ostfriesische Museum Moordorf den Zustand der Katen aus unterschiedlichen Epochen, von reinen Torfsodenhäusern bis hin zu Ziegelmauerkaten sehr gut wieder, auch wenn die dort gezeigten Katen aus dem bis in die 1950er Jahre bettelarmen Moordorf stammen, die anders als die Findorffsiedlungen im und rund ums Teufelsmoor keine Förderung und vor allem keine Erschließung genossen.

[...]

Moorkate, die zwote:

Eine kleine Szenerie drumherum ist gerade im Werden. Ein Bentheimer Schwein ist im Pferch eingezogen, ein kleiner Gemüsegarten davor angelegt, am Pflock hinten links wird noch die Ziege angebunden, zwei weitere Familienmitglieder sollen noch dazukommen. Auf 12 x 20cm entstand auf den von mir verwendeten Dämmplatten diese kleine Szene, die vielleicht später einmal auf einem der Segmente eingefügt werden kann:

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Ich habe die Szene nochmal mit zwei Hintergrundfotos aus dem Wümmewiesen (geografisch nur halb korrekt, diese liegen unmittelbar südlich des Teufelsmoores) stimmungsvoll in Szene gesetzt; dies sind keine elektronischen Basteleien, ich habe die Hintergrundfotos matt ausgedruckt auf ein Stück Dämmplatte aufgezogen und beim Fotografieren ein Stück hinter der Szene platziert:

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Etwas später dann im Segment eingebaut mit "Schiffschauer", wo Jan van Moor seinen Torfkahn unterbringen konnte:

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Am Ende des Wasserbeckens des Schiffschauer wächst Schilf:

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Diesen Blick haben die Reetdacheindecker vom First aus in Richtung Eckelement meiner Segmentanlage. Vorne die Moorkate aus dem Teufelsmoor, dahinter die Dörpschool, hinten links der Zweiständerhof auf einer Warft:

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Beste Grüße!

Bild!

Fotografie auf Film

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